Von der Sonne nicht verwöhnt
– und dennoch ein Genuß…

Über Wein aus dem Elbtal

„Wie ist der Wein?“ – „Sauer!“ – „Und wie noch?“ – „Teuer!“ Dialoge wie diesen kann man immer wieder hören, und es ist sogar was dran: Wenn man sauer durch trocken und teuer durch den Preis wert ersetzt. Vor allem aber gilt: Der Sächsische Wein kann durchaus unterschiedlich ausfallen. Das ist abhängig vom Wetter (so gesehen haben in dem mit ca. 340 ha kleinsten Anbaugebiet Deutschlands fast alle die gleichen Ausgangsbedingungen), abhängig ist die Qualität aber auch in hohem Maße vom Winzer. Und da gibt es – wie überall – solche und solche. Aber die Weine der besseren Winzer – neben den beiden oben genannten z.B. die von Vincenz Richter (Meißen) oder Joachim Lehmann (Diesbar Seußlitz) sind durchweg ein Genuß.

Im Herbst, wenn die tägliche Mühe des ganzen Jahres durch die Traubenernte belohnt wird, feiern viele Winzer in Sachsen ihre Feste. Entlang der Sächsischen Weinstraße kann man die Feste rund um den sächsischen Wein erleben – in Meißen, Weinböhla und Radebeul (aktuelle Daten bei www.visit-dresden.de).

Eine Besonderheit an der Elbe rund um Dresden sind die Hobbywinzer: Häufig bauen sie nur für den Eigenbedarf an, aber in den vergangenen Jahren öffnen sie zunehmend auch ihre Gärten und Wohnzimmer: In Straußenwirtschaften kann man den sächsischen Wein und seine Winzer auf die individuellste Weise kennenlernen.

Was vielen Nicht-Sachsen nicht bekannt ist: Der Weinanbau im Elbtal hat eine über 800 Jahre alte Tradition. Er wird erstmals 1161 anläßlich der Übereignung eines Weinberges im Meisatal durch Markgraf Otto den Reichen an ein Kloster urkundlich erwähnt. Anschließend verbreiteten die Mönche den Weinbau im gesamten Elbtal.

Das sächsische Königshaus legte großen Wert auf die eigenen Weinberge in Pillnitz und Wachwitz, und in Meißen entstand gar die erste Winzerschule der Welt. Arg gelitten hat der Elbwein, als die Reblaus kam und dem Weinbau ein Ende bereitete. Viele Winzer tauschten nach dem Desaster die Plackerei an den steilen Hängen und die ewige Furcht vor dem Frost (der übrigens auch dieses Jahr wieder zuschlug und den Traum auf reichhaltige Ernte zerstörte) mit leichterem Reichtum: Sie wählten die „fünfte Fruchtfolge“ und verkauften, vor allem in Dresden, ihre Grundstücke in bester Lage.

Nach nicht ganz so rosigen Wein-Zeiten unter dem Zeichen sozialistischer Produktionsgenossenschaften geht es nun langsam wieder bergauf – was Anbaufläche und vor allem die Qualität der Burgunder, Rieslings, Traminer und Müller-Thurgau anbelangt.

Georg Prinz zur Lippe ist Winzer in Meißen. Die Weine von Schloß Proschwitz gegenüber der alten Meissner Albrechtsburg sind für viele Kenner die besten Weine aus dem deutschen Osten, und nicht ohne Stolz präsentiert der Prinz einen Chablis Premier Cru, um gleich darauf einen seiner Weißburgunder zu servieren: „Urteilen Sie selbst – der kann sich doch sehen lassen!“
Kann er, meinten zumindest die Franzosen und hievten den Quereinsteiger aus Proschwitz bei einem Weißburgunder-Vergleich in Frankreich glatt auf die Nummer eins.
Der Prinz ist auch sonst für Superlative gut: Schloß Proschwitz ist das größte private Weingut Ostdeutschlands mit ca. 40 ha (davon sind freilich nur 18 ha im Ertrag) und die einzige Einzellage. Die Jahresproduktion: 100.000 Flaschen

Klaus Zimmerling ist Winzer in Pillnitz. Die Weine, die er seit 1992 dem Königlichen Weinberg (offizielle Lagebezeichnung) und besonders der Rysselkuppe (sein Berg) entlockt, setzen selbst erfahrene Weintrinker häufig in Verzückung. Sie haben nur einen Nachteil: Sie sind so rar, und es gibt sie, wenn denn überhaupt, meist nur in halben oder 0,37-Liter-Flaschen.
Es sind halt nur knapp vier Hektar, die Zimmerling bewirtschaftet – und das in der Regel allein (bei der Ernte beispielsweise helfen Freunde). Der Riesling wird zukünftig die Hauptrolle spielen neben Traminer, Grauem Burgunder, Kerner, Bacchus und ein wenig Müller Thurgau.
Die Weine könnten „Spätlese“ und/oder „Öko-Wein“ heißen – aber Zimmerling verkauft sie schlicht als „Landwein“. Kenner wissen sowieso, was dahinter steckt…

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in TaschenbergNews 4/1997
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