Holz und Revolution in Koprivshtitsa

Brücke des ersten Schusses

Brücke des ersten Schusses

Koprivshtitsa

Oslekov Haus

Oslekov Haus

Debelyanov Haus

Debelyanov Haus

Kableshkov Haus

Kableshkov Haus

Kableshkov Haus

Bulgarische Zeitrechnung: Eine Autostunde östlich von Sofia liegt, etwas abseits der Hauptstraße nach Burgas am Schwarzen Meer, Koprivshtitsa. Wir fahren also um neun los und sind um elf da. Langweilig ist die etwas über hundert Kilometer lange Strecke dennoch nicht. Der Balkan, ein bis zu 2.300 Meter hohe Höhenzug erhebt sich zur Linken, das Mittelgebirge Sredna Gora mit bis zu 1.600 Meter hohen Gipfeln zur Rechten. Während im Tal der Schnee getaut ist, bricht sich die Vormittagssonne an den schneebedeckten Gipfeln. Warum exakt mit der Ankunft in Koprivshtitsa ein Sturzregen einsetzt, der sich langsam in Schneegriesel abkühlt, bleibt das Geheimnis des lokalen Wettergottes (dem es auch beliebte, kurz vor der Abfahrt wieder auf strahlendblau umzuschalten).

Die Stadt mit dem des Bulgarischen nicht Mächtigen so schwer auszusprechenden Namen lohnt den Besuch gleich mehrfach. Zum einen hat Koprivshtitsa in der bulgarischen Geschichte eine wichtige Rolle gespielt. Hier begann im April 1876 der Aufstand gegen die ottomanischen Türken, die über vier Jahrhunderte Bulgarien beherrscht hatten. Rebellen, Widerstandskämpfer, Revolutionäre - in Koprivshtitsa begannen sie ihre Pläne zu schmieden. Hier wurden Uniformen genäht, Pläne geschmiedet - und hier begann auf einer eher unscheinbaren Steinbrücke der Kampf, der erst zwei Jahre später enden sollte.

Diese (und noch viel mehr, wenn auch meist auf bulgarisch geschriebene) Geschichte begegnet einem noch heute Schritt auf Schritt in Koprivshtitsa. Denn die Stadt ist ein Museum in vielen Häusern. Und was für Häuser das sind! Annähernd 400 architektonisch und/oder historisch bedeutungsvolle Häuser sind in teils bezaubernd bunten Farben erhalten. Einfache Häuser und üppige Villen, ein eigenwilliger Stil mit Steinmauern im Erd- und Holzbauweise im Obergeschoss, Bild- und Holzschmuck an Wänden und Decken - und das alles in ursprünglicher Umgebung mit Pferdefuhrwerken und traumhafter Landschaft!

Oslekov Haus

Das Oslekov Haus ist 1856 gebaut - für den lokalen Steuereintreiber, der auch noch ein weitgereister Kaufmann war! Es ist in der Garanilo Straße, unweit vom Hauptplatz des Ortes und kann tagsüber besichtigt werden (montags nur am Vormittag). Zedernholz aus dem Libanon sind das Material für die Stützen, die eine traumhafte bemalte Fassade (mit Motiven aus Padua, Rom und Venedig) tragen. Der Maler dieser Bilder, Kosta Zograf, ist ein Bruder des berühmten Ikonenmalers Zahari Zograf. In diesem haus wurden die Uniformen der Revolution von 1876 genäht - auch Revolutionen müssen schließlich ihre Ordnung haben...

Debelyanov Haus

Dimcho Debelyanov ist ein in dieser Gegend zumindest bekannter Dichter, geboren 1887 in eben diesem Haus. Die Wiege kann man besichtigen, und auch sonst steckt das in schönem Blau angestrichene Haus (geöffnet täglich außer montags) voller Devotionalien. Die Statue im Garten zeigt die Mutter des Dichters, wie sie auf die Rückkehr des Sohnes von griechischen Schlachtfeldern wartet - vergeblich, Debelyanov fiel 1916. Bemerkenswert ist die Raumhöhe: Selbst kleine Menschen müssen sich im Erdgeschoss ducken, um durch die Türen zu kommen. Die Etage drüber kann man aufrechten Ganges besichtigen. Warum das so ist? Niedrige Räume lassen sich besser heizen, sie werden schneller warm. Und so lebte man im Winter (er ist vergleichbar den unsrigen) unten, im Sommer oben...

Kableshkov Haus

1845 wurde diese Villa für einen örtlichen nicht gerade armen Handwerksmeister gebaut. Die Wiege im Erdgeschoss hat quasi nationale Beduetung, denn hier wurde Todor Kableshkov 1851 geboren: Er war derjenige, der den vorzeitigen Beginn des Aufstands gegen die Türken erklärte - geplant war der für den 1. Mai, aber wegen eines Spions mit dem spionüblichen Verrat beschloss Kableshkov, bereits am 20. April zu starten. Der erste Schuss fiel auf einer Brücke einige etwa fünfzig Meter abwärts des Hauses, und der dort angetroffene Türke musste nicht nur sein Leben lassen, sondern auch Blut: Damit schrieb Kableshkov den historischen Brief geschrieben, der die Revolution begründete (es half aber alles nichts, der erste Anlauf wurde niedergeschlagen, Kableshkov beging nach seiner Festnahme Selbstmord).

Wieso übrigens die Revolution gerade in Koprivshtitsa begann? Naja, erstens muss es ja irgendwo losgehen, aber zweitens war die Stadt, knapp über 1.000 Meter hoch gelegen und somit im Sommer angenehm kühl, Mitte des 19. Jahrhunderts mit 12.000 Einwohnern immerhin fast so groß wie damals Sofia...

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten



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