Der lachende Dirigent

Gespräch beim Lunch mit George Alexander Albrecht

Wenn der Dirigent kommt, klatscht man. Dann verbeugt er sich, und danach sieht man ihn von hinten. Die Arme schwingen, je nach Temperament und persönlichem Stil des Taktstockhalters, mehr oder minder deutlich durch die Luft. Man könnte, rein dirigentenmäßig sozusagen, auch die Augen zumachen und nur zuhören.

Die Weimarer kennen ihren Dirigenten ausgiebig von vorne. George Alexander Albrecht, der Generalmusikdirektor (GMD) am Deutschen Nationaltheater in Weimar und Dirigent der Staatskapelle Weimar, liebt nämlich den direkten Dialog mit seinem Publikum. Er erklärt was kommt, er lässt Teile der Stücke vorspielen (was selbst nach vier Jahren gemeinsamen Musizierens die Damen und Herren vom Orchester manchmal erschrickt, denn geplant ist das nur prinzipiell, aber so konkret dann doch meist nicht).

Der 24. Nachfolger von Johann Sebastian Bach hat in Weimar seine große Geliebte gefunden. Und, was die Sache so schön knisternd macht, die Liebe trifft auf vehemente Gegenliebe. Albrecht, der auf ausdrücklichen Wunsch von Hoteldirektor Paul Kernatsch zum Essenstermin im Restaurant „Anna Amalia“ mit seiner Frau Liese kam, spricht in ihrer Gegenwart so offen von dieser Liebe, und sie lacht und nickt dazu, dass klar ist: Das muss ein ganz besonderer Fall von Liebe sein. Ist es auch, denn Albrecht ist ganz hin und weg, wenn er von seinem Orchester spricht. „Noch nie war ich so glücklich mit einem Orchester!“ sagt er, und seine sowieso immer funkelnden Augen mit den vom vielen Lachen geprägten Fältchen um die Augen legen noch einmal ein Funkeln drauf. Angekommen, so scheint’s, ist er, und das mit all seiner Erfahrung: Am 1. Juni 1949 hatte er sein erstes Konzert, damals noch als Amateur, denn schließlich war er erst 14 Jahre jung. Doch seit nunmehr 40 Jahren ist Albrecht beruflich Musiker, hat viel erlebt. „Aber sowas noch nicht wie in Weimar, diese Einstimmigkeit mit dem Orchester!“ schwärmt er. Er lobt das Orchester aber nicht nur, weil es den selben Geschmack hat wie er (das wäre ja zu leicht und billig), sondern auch wegen der hohen Spielkultur, des Bewußtseins für Tradition und Werte.

Was für das Verhältnis des Dirigenten zum Orchester und umgekehrt gilt, hat auch Bestand bei Aufführungen. Da springt sozusagen die Macht der Liebe über die Bühne und ergreift, wieder wechselseitig, das Publikum. Das hört aufmerksam zu, das verwöhnt ihn und sein Orchester mit Ovationen. „Wenn der Saal sich nach einem Konzert wie ein Mann erhebt, das macht mich fertig!“

Die Chemie stimmt also, wie man heute gerne etwas lax sagt. Aber egal wie locker man so etwas formuliert, es ist wichtig, entscheidet letztendlich über Gedeih und Verderb eines Hauses. „Wenn der Generalmusikdirektor und der Intendant an einem Strang ziehen“, meint Albrecht an anderer Stelle des Gesprächs, dann blüht das Haus!“

Blühende Landschaften und Kultur, das ist ein weites Feld. Meistens entwickelt sich das Gespräch sehr schnell in Richtung Kaktus, will sagen: Es geht mehr um die Stacheln als ums Blühen. Dabei kommt nicht zwangläufig grobes Gemeckere heraus, wie das Beispiel der „Freunde der Staatskapelle“ lehrt.

Wie das Orchester und sein Dirigent zu diesen Freunden gekommen ist, ist eine Geschichte mit Happy End, und die beginnt so: „Eines Tages hagelte es mal wieder Einsparungen, und das ausgerechnet im Kulturstadtjahr!“ Da fragte sich der GMD, wie er alle seine schönen Ideen denn nun finanzieren solle? Und weil er spontan keine befriedigende Antwort fand, stieß er einen Notschrei aus.

Es hilft bekanntlich nicht immer, wenn man laut schreit, aber manchmal eben schon. Diesmal hörte ein Fan des Orchesters den Schrei, und er spendete 50.000 Mark. Und ein anderer Fan hatte eine Idee: Er gründete die „Freunde der Staatskapelle“, die fortan – weil ja nicht jeder mal eben 50.000 Mark übrig hat – auch aus der Summe der vielen kleinen Spenden einen erklecklichen Betrag zu machen trachten.

Soweit die Geschichte, die nach ein wenig vorbereitenden Handelns am 28. Februar publik wurde. Natürlich nach einem Konzert mit der Staatskapelle Weimar…

Was die Freunde alles bewirken können? Eine Menge. Prinzipiell geht es darum, das hohe Niveau der Staatskapelle zu halten, was mit dem laufenden Etat nicht funktioniert. „Die Stars, egal ob Sänger oder Gastdirigenten, sind oft Spitzengagen gewohnt. Und wir brauchen in dieser erstklassigen Kulturstadt Weimar erstklassige Komponisten, Dirigenten, Solisten!“ Und wenn Albrecht an die Akustik in Nationaltheater denkt, vergeht ihm das Lachen. Vor allem, wenn er sie mit der anderer Spielstätten vergleicht. „Ein Fall für die Freunde!“ sagt er (und schon kommt das vertraute leicht verschmitzte Lächeln zurück).

Wenn’s um Geld geht, sind Ideen gefragt. Paul Kernatsch steuert beim Essen gleich zwei bei, die als Angebot für die Freunde gelten: Einmal wird das Team vom Elephant vom Preis für die Getränke, die das Haus auf dem diesjährigen Zwiebelmarkt verkauft, einen Fixbetrag pro Glas an die Freunde der Staatskapelle spenden. Und zum Anderen gibt es einen dieser verpackten Weimar-Würfel, auf dem die Stars unterschreiben, die in Weimar sind. Dieser Würfel wird am Ende eines an Prominenz nicht armen Jahres versteigert. Und der Erlös? Erraten!

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: trialog 2/1999
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